Texte aus der Gruppe: Selbstzweifel

In unserer Reihe „Beiträge aus der Gruppe“ veröffentlichen wir Texte von Teilnehmern unserer Selbsthilfegruppe zu Themen, die sie beschäftigen.

Indem wir über unsere Ängste und Sorgen sprechen, nehmen wir ihnen die Wucht und zeigen uns von unserer verletzlichen Seite. Wir zeigen aber auch: Wir sind mit unseren Ängsten und Sorgen nicht allein.

Selbstzweifel

Manchmal kommt es einfach hoch. Der Gedanke nicht gut genug zu sein. Jahrelang haben mich das alle glauben lassen. Wie soll ich das je vergessen?

Langsam fange ich an mich selbst zu mögen. Nicht lieben, das wäre zu viel für den Anfang. Aber ich mag mich zeitweise. Ich bin okay. Irgendwie. An manchen Tagen gelingt es mir gut. Ich weiß, dass ich gut bin. Intelligent und hübsch und witzig.

An anderen Tagen gelingt mir das nicht. An diesen Tagen hasse ich mein Gesicht, meine Unfähigkeit, mich. Aber selbst an diesen Tagen weiß ich inzwischen, dass ich okay bin. Irgendwie. Ich bin stark. Und ich kämpfe. Und ich weiß auch, dass ich diesen Kampf irgendwann gewinnen werde. Vielleicht nicht heute, oder morgen. Vermutlich auch nicht nächste Woche. Aber irgendwann.

Immer noch schaue ich an schlechten Tagen in den Spiegel und hadere mit mir selbst. Schiefe, kleine Augen, deren Farbe nicht bestimmbar ist. Matsch oder so. Zu große Nase, Pickel, nichts ästhetisches. Wenn mein Blick weiter wandert sehe ich meinen Bauch, meine Narben auf ihm, breite Hüfte, hässliche Oberschenkel, auch voller Narben und Haare.

Ich hatte nicht die Kraft sie zu entfernen, um mich schön zu fühlen. Aber selbst, wenn meine Beine frisch rasiert sind finde ich sie hässlich. An solchen Tagen ist alles hässlich. Meine Hände, meine Füße, meine Beine, meine Arme, meinen Bauch, alles ist voller Narben und Pickelchen und Sommersprossen und Haare. Wie ein bleiches Gorillababy. Mit Sommersprossen und Pickeln. Und sehr viel weniger süß. Wie sollte irgendwer das lieben können?

Von meinem Charakter gar nicht angefangen. An schlechten Tage zerfleische ich mich in Gedanken selbst. Ich hasse niemanden mehr als mich. Naiv, dumm, redet zu viel, nervig, anhänglich, laut, depressiv, Psychofotze. So haben sie mich genannt. Vielleicht bin ich das alles auch. Aber hey. Ich bin trotzdem okay, und vielleicht bin ich sogar gut so wie ich bin. Und vielleicht schafft es irgendwann jemand mich so wie ich bin zu lieben. Hoffentlich bin das ich selbst.

– Anonymer Beitrag aus unserer Selbsthilfegruppe

Wir möchten dir mit unseren Beiträgen aus der Gruppe Mut machen. Solltest du akut Hilfe benötigen, wende dich bitte sofort an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 116 117 oder unter 112.