Texte aus der Gruppe: Nun lach doch Mal!

man wears black crew-neck t-shirt and gray knitted cap

Es war einer dieser Tage im Sommer, draußen, bei schönem Wetter. Um mich herum feiern ausgelassen meine Freunde. Doch ich weiß: Ich gehöre hier gerade nicht hin.

Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit meinen Freunden unterwegs bin. Ich bin froh, sie zu haben. Ich bin froh, dass mich überhaupt jemand mag – oder wenigstens Zeit mit mir verbringt. Ich habe sie gerne, aber das kann ich im Moment gar nicht zeigen.

Denn mir ist eine Laus über die Leber gelaufen. Irgendwas hat mich an meine Situation zu Hause erinnert. Diese Peinigung. Dieser Psycho-Horror. Hoffentlich ist es heute anders.

„In ziemlich genau zwei Stunden, dreiundzwanzig Minuten und vierunddreißig Sekunden bringt mich der Bus nach Hause“, denke ich. Also dort, wo ich wohne. Denn ein Zuhause ist der Ort von Geborgenheit – nein, ein Zuhause habe ich nicht. Ich habe nur eine Adresse auf meinem Personalausweis. Einen Wohnsitz.

„Nun lach doch Mal!“ ruft die Freundin eines Freundes zu mir rüber.

Mein Gesicht verkrampft sich. Ich lächle zurück. Es ist diese Maske. Dieses jahrelang eingeübte Foto-Gesicht, diese Grimasse. Täuschend echt. Ich will das gar nicht. Aber wie oft habe ich schon gehört, ich solle lachen. Menschen um einen herum sind stets darauf bedacht, dass es den anderen gut geht. Nein, dass sie den Anschein erwecken, es ginge ihnen gut.

Ich meine, was soll der Gastgeber nur denken, wenn er eine Party schmeißt und dann sitzt da so eine griesgrämige Person herum, der es gerade nicht gut geht. Denkt er vielleicht, er ist ein schlechter Gastgeber? Oder bin ich einfach nur ein schlechter Gast?

Nein, so darf das nicht sein. Ich darf nicht so sein. Menschen, gegenüber denen ich nicht oft genug lache, wenden sich von mir ab. Das muss ich um jeden Preis vermeiden. Jeden.

Ich entschließe mich dazu, meine Maske aufzubehalten, während sich Angst und Kummer in meinem ganzen Körper verteilen. Jetzt bloß nichts anmerken lassen. Einfach so tun, als sei nichts.

Meine täuschend echte Grimasse ist die perfekte Fassade. Puh. Noch einmal gut gegangen.

Ist es wirklich gut gegangen?

Fünfzehn Jahre später trainiert mein Therapeut mit mir solche Situationen. Situationen, in denen ich über seine Sticheleien hinweglächle. Er kauft mir die Maske nicht ab, er hat mich durchschaut. Er löst die Mechanismen aus und ich fühle mich ausgeliefert. Gemeinsam schauen wir uns an, wie es mir wirklich geht. Er hört mir zu, nimmt Anteil an meinem Schmerz. Ihm brauche ich nichts vormachen. Und ich lerne, dass ich mir nichts vorzumachen habe.

Wie würde ich heute damit umgehen?

Vielleicht könnte ich heute die Sorgen auf der Party Sorgen sein lassen. Vielleicht könnte ich viel selbstbewusster damit umgehen, wenn ich entgegne: „Oh, da war ich wohl mit meinen Gedanken gerade ganz wo anders.“ Vielleicht würde ich tatsächlich dankbar und aus eigenem Antrieb zurücklächeln, weil mich die Person wieder aus den Gedanken gerissen hat und ein Gespräch beginnen. Mich verbiegen, bzw. mein Gesicht, würde ich jedoch nicht.